Visionen

Outdoor exhibition 2021

8 Künstler*innen und ihre Gedanken zur Zukunft des Kunstraum Kesselhaus

Künstler*innen aus den Reihen des BBK Oberfranken wurden um eine Visualisierung ihrer Ideen zum Kesselhaus gebeten mit dem Ziel, diese in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Verbunden haben wir damit ein Honorar, um sie in den gerade für Künstler prekären Zeiten der Pandemie finanziell zu unterstützen. Wir haben uns sehr gefreut, dass die Sparkassenstiftung diese Idee im Juni 2020 mit einer großzügigen Zuwendung bedacht hatte. Acht Künstler*innen haben sich schlussendlich beteiligt und Entwürfe abgeliefert. Seit Anfang Februar sind nun alle eingereichten Entwürfe auf 2,5 mal 2,5m großen Bannern an der Fassade des Kesselhauses zum Leinritt hin ausgestellt. Diese OpenAir-Ausstellung soll zugleich auch ein Diskussionsanstoß sein, das Interesse an diesem besonderen Ort wachzuhalten und weiterzuführen.

„WARUM so negativ Christiane Toewe?“

Nachdem ich mich seit langer, langer Zeit kulturpolitsch in Bamberg engagiere frage ich mich doch:
WARUM dauert alles so lang??? Das Kesselhaus könnte längst ein Leuchtturm Projekt in der kulturpolitischen Landschaft Bambergs sein.
Höher und höher wächst das Gras über die geniale Architektur von Rothenburger und über die Idee Gegenwartskunst in Bamberg zu etablieren.
Dunkle Covid-19 Wolken ziehen auf.

2009 haben wir das Kesselhaus nutzbar gemacht. Seit 8 Jahren gibt es den Verein Kunstraum JETZT! e.V.. Seit 10 Jahren haben Kunstverein Bamberg, BBK Oberfranken, Architekturtreff, KAfkA und andere Kulturschaffende diesen Raum mit Leben gefüllt. Ich würde sagen, es ist längst bewiesen, dass das Kesselhaus sich als Kunstraum bewährt. Internationale Künstler*innen und aus der Region haben die Möglichkeiten dieses Raumes entdeckt und genutzt.
Das Publikum ist begeistert.

WARUM wird dieser Schatz rein auf das Engagenment der Ehrenamtlichen abgewälzt.
WARUM sehen die Entscheidungsträger nicht den nachhaltigen Wert solch eines Kunstraumes?
WARUM wird im Kesselhaus nicht das ganze Potential ausgeschöpft?
WARUM erfährt die bildende Kunst in Bamberg so eine geringe Wertschätzung?

Die Shedhalle will wachgeküsst werden, der Leinritt autofrei sein und auf dem Dach könnte ein Café, eine Bar oder ein Restaurant entstehen.
Für die Kunstliebhaber von Bamberg, Oberfranken und der Welt.

Das Kesselhaus würde aus Bamberg heraus leuchten.

Seit 1823 sucht der Kunstverein Bamberg Ausstellungsräume in Bamberg- und es wächst Gras drüber.

Tanz der Visionen von Dagmar Ohrndorf

Eine große Collage auf Leinwand mit Fragmenten alter Kunstplakate entstand zu dem Projekt zum 10 jährigen Bestehen des Kunstraum Kesselhaus. Verschiedene Aktionen von Institutionen und Künstlern aus Bamberg sind darauf zu finden. Die aufgenähten Fragmente folgen einem Rhythmus, einem Tanz im Bild.

Bamberg verfügt über ein großes künstlerisches Potential. Das Kesselhaus bietet hier einen einzigartigen Ort. Die Architektur, die Atmosphäre und der morbide Charme sind ideale Bedingungen um diesem Potential eine Bühne zu geben. Künstler aus unterschiedlichen Bereichen können dort zusammen finden und interdisziplinär ihre Arbeit sichtbar und hörbar machen. Dies muss von den verschiedenen Institutionen und der Stadt Bamberg weiter unterstützt und gefördert werden. 10 Jahre Kesselhaus – eine wichtige Arbeit, die schon geleistet wurde. Nun ist es an der Zeit lebendige Kultur im Kesselhaus dauerhaft zu etablieren. Für jeden Bamberger und für die ganze Stadt ein wichtiger Ort der Begegnungen, der offene Diskurse, der Ausstellungen und Konzerte. Alle dürfen an diesem visionären Tanz teilhaben.

Die Zukunft kommt sowieso sagt David Grimm

Die Zukunft ist kein an sich urbanes Phänomen, sondern vollzieht sich auch in der Peripherie ‚Bamberg‘ – Sie kommt sowieso. Ansichten vergangener Zeiten hat diese Stadt schon genug zu bieten. Sie haben sich offenbar tief in die Köpfe von Entscheidungsträgern gebrannt, welche die Vergangenheit kultivieren, um touristisches Kapital zu züchten: Die Vision ist wohl ein Vergnügungspark aus Sandstein und Fachwerk.
Das Kesselhaus wäre der Ort an dem es derart scheppert, dass der Holzwurm von selbst aus dem alten Gebälk fliegt.
Solange ein solcher Ort blockiert wird, schlage ich als neues Stadtwappen vor: einen verbohrten Wurm.

Wunschliste von Gerhard Hagen

Ich wünsche mir, dass das Kesselhaus als ein Ort für die moderne Kunst in Bamberg etabliert wird. Natürlich gehören dazu Flächen für Ausstellungen, aber auch ein Museumskaffee wäre notwendig. Die Freifläche zwischen Kesselhaus könnte für Open-Air Ausstellungen, Veranstaltungen oder als Außenbereich vom Kaffee genutzt werden. Und wenn dann noch irgendwo Platz ist, wären Ateliers für Künstler schön! 

Ich wünsche mir Raum für Kommunikation und Austausch: zwischen den Besuchern, zwischen Künstlern und Besuchern beispielsweise nach einer Vernissage, aber auch zwischen den Künstlern in den Ateliers.

So, das ist meine Wunschliste, und in der Heimatstadt vom Sams werden wir doch hoffentlich noch einige Wunschpunkte irgendwo finden, damit dieser Traum vom Kesselhaus in Erfüllung geht.

Gerhard Schlötzer
oder: Sieben auf einen Streich!

1) Zusammenfassung

Das Kesselhaus wird der Attraktionspunkt am nördlichen Ende der historischen Altstadt Bambergs. Ein öffentlicher Ort für alle Bevölkerungsgruppen. Innen mit Ausstellungsräumen für Bildende Kunst und verwandte Kunstarten, ein Ort, an dem sich immer wieder neu die Kultur entwickeln kann, die Bamberg braucht.  Der Straßenraum wird zum Platz und ganztägiger Treffpunkt mit Kiosk und Sitzmöglichkeiten am Wasser. Auf dem Dach ein Café mit grandioser Aussicht auf den Michelsberg und im Keller ein Musikclub mit Kneipe. Das jetzige Stadtplanungsamt bietet viel Fläche für das Kulturamt und weitere, für eine integrative Stadtkultur benötigte Räume.

2) Kesselhaus

Das heutige Kesselhaus bleibt im Wesentlichen so, wie es ist. Die Raumschale zeigt weiterhin die Nutzungsspuren der Vergangenheit. Durch eine Erneuerung der Glasfassade ergibt sich eine bessere Schall- und Wärmeisolierung und der Raum wird ganzjährig nutzbar. Ein Notausgang zum Leinritt ermöglicht auch im Untergeschoss Ausstellungen. Die Eingangstüre zum Gang wird nach Herausnahme der statisch unwichtigen Mauerwerksausfachung durch ein Glaselement ersetzt, das auch von Osten Licht in das Kesselhaus gelangen lässt. Wie auch jetzt schon, finden im Kesselhaus Ausstellungen und Veranstaltungen ihren geeigneten Rahmen, die vom Dialog mit der starken Eigenwirkung des Raumes profitieren.

3) Eingangsbereich Gänge und Hof

Der Haupteingang wird am südlichen Ende des Ganges am Leinritt durch einen Kopfbau neu geschaffen. Durch die Anlage des bestehenden Gebäudes ist der barrierefreie Zugang zur gesamten Erdgeschossebene bereits jetzt gegeben. Vom neuen Eingangsbau aus, der die Proportionen und die Gestaltungselemente des Ganges aufgreift, kommt man in einen Kassen- und Eingangsbereich mit Sitzmöglichkeit und Kaffeeautomat, der sich im südöstlichen Sheddachraum befindet. Der Gang, der auch zu Ausstellungszwecken genutzt wird, erschließt das gesamte Gebäude. Außerdem wird im Außenbereich eine Durchgangsmöglichkeit zwischen Leinritt und Sandstraße geschaffen. Hier kommt man von beiden Seiten in einen Hof zwischen den Shedhallen und dem jetzigen Stadtplanungsamt. Um den Keller einfach zu erreichen und ihn teilweise zu belichten, wird der Hof bis auf das Kellerniveau vertieft und die Flanken der Vertiefung als Sitzstufen ausgebildet. Er dient als Aufenthalts- und Veranstaltungsort im Freien.

4) Shedhalle

Eine ca. 300 qm große Halle, die von oben durch 5 Sheddächer belichtet ist, eignet sich sehr gut als multifunktionaler Ausstellungsraum. Die Unterzüge liegen zwar nur ca. 2,9 Meter über dem Boden, die Spitzen der Sheddächer dagegen ca. 6 Meter. An den Unterzügen können verschiebbare Wandelemente angebracht werden, die sich zu durchgängigen Hängewänden zusammenschieben lassen oder auch vollständig entfernen, wenn man den Raum in seiner vollen Größe nutzen will. Alle Kombinationen dazwischen sind möglich und so kann man schnell für wechselnde Ausstellungen immer neue Raumeindrücke herstellen und bei Bedarf auch mehrere kleinere Ausstellungen und Veranstaltungen parallel durchführen. Im Gegensatz zum Kesselhaus sollte die Shedhalle so gestaltet sein, dass sie hinter der Kunst zurücktritt. Also saubere weiße Wände und möglichst wenig störende Elemente.  Zusammen mit den Flächen der Gänge und des Kesselhauses ergeben sich genügend Präsentationsmöglichkeiten für das öffentliche Wechselausstellungswesen einer Stadt in der Größenordnung Bambergs. Parallel laufende Ausstellungen und Veranstaltungen erhöhen wesentlich die Zugkraft für unterschiedliche Publikumsschichten.

Östlich der großen Shedhalle liegen 5 unterschiedlich große Räume mit Sheddächern, die durch zweiflügelige Türen mit der großen Halle verbunden werden und die Fläche bei Bedarf erweitern. Einer davon dient als Präsentationsraum für eine neu zu schaffende Artothek. Westlich der Halle gibt es Räume für Museumspädagogik, Stuhllager und Toiletten.

5) Dachcafé

Das Flachdach des Baukörpers, in dem sich das Kesselhaus und Büroräume befinden, eignet sich hervorragend, dort ein allseitig verglastes Café zu errichten. An drei Seiten setzt es den Kubus nach oben fort, im Süden springt es um die Breite des Kamins zurück und macht Platz für eine Freiterrasse. Die Erschließung erfolgt durch einen Aufzug im Schacht des jetzt schon bestehenden und stillgelegten Aufzuges. Dieser Aufzug ist auf Erdgeschossniveau sowohl vom Inneren des Gebäudes aus, als auch von der Nordfassade aus zugänglich. Somit kann das Café auch außerhalb der Öffnungszeiten der Ausstellungsräume erreicht werden. Von der Südseite des Gebäudes kommt man über eine Stahltreppe erst auf das Dachniveau der Shedhallen und von dort über eine weitere Treppe an der südlichen Außenwand des Kesselhauses, die auch als Fluchttreppe dient, zur Außenterrasse des Cafés. Küche, Betriebsräume und Toiletten des Dachcafés werden an der Nordseite im 1. Obergeschoss untergebracht, dort wo sich jetzt die Büroräume des Restaurators der städtischen Museen befinden.

6) Kamin

Der 5-zügige Kamin bleibt als wesentliches Gestaltungselement des bestehenden und zukünftigen Gebäudes erhalten. An seinen Schmalseiten wird je eine grüne Neon-Leuchtschrift KESSELHAUS angebracht.

7) Keller

Unter den Shedhallen befindet sich ein weitläufig verwinkelter Keller, in dem ein Club für regelmäßige Musikveranstaltungen und eine Bar einziehen werden.

8) Stadtplanungsamt, ehemalige Isolierstation, gelbes Gebäude

Das gelbe, quer zur Straße stehende Gebäude, unmittelbar südlich des Kesselhaus-Komplexes, das jetzige Stadtplanungsamt, eignet sich hervorragend, um Funktionen aufzunehmen, die in Zusammenhang mit der kulturellen Nutzung stehen. Es ist unterkellert, hat 2 Treppenhäuser und 2 Lastenaufzüge und bietet auf 4 Vollgeschossen unterschiedlich große Räume, in denen man das Kulturamt, einen gemeinsamen Besprechungsraum, Technikräume der städtischen Museen, Büroräume für die engagierten Institutionen Kunstverein, BBK, usw., einen Übernachtungsraum für Gastkünstler und Techniker, Atelierräume, gemeinschaftliche Arbeitsräume, ein Lager für die Sammlung des Kunstvereins, … unterbringen kann. Alle Räume für Verwaltung, Technik, Lager, Produktion, finden hier Platz, soweit sie nicht zwingend im Kesselhauskomplex untergebracht werden müssen. So bleibt dort möglichst viel Fläche für öffentlich zugängliche Kultur.

9) Ergänzungsmöglichkeiten

Das Kesselhausgebäude eignet sich nicht für einen ebenfalls dringend nötigen Theaterraum für die vielfältige freie Theaterszene Bambergs. Feste Bühneneinbauten und eine ansteigende Zuschauertribüne stünden einer Nutzung als Ausstellungsraum entgegen. Dafür bietet eine Freifläche in unmittelbarer Nähe des Kesselhauses Platz für den Neubau eines Theaterraumes. Sie befindet sich südöstlich des Stadtplanungsamtes innerhalb der Mauer am Leinritt und wird heute als Parkplatz genutzt. Damit wäre ein wichtiger Bedarf gedeckt und für den Kulturcluster in dieser Gegend, bestehend aus Konzerthalle, Kesselhauskomplex und Kulturamt wäre ein weiterer wertvoller Baustein gewonnen, und das in der Innenstadt, gut erreichbar für Laufpublikum. Denn: je mehr unterschiedliche Besuchergruppen verschiedene Angebote in diesem Bereich nutzen, desto besser ist es für die öffentliche Aufmerksamkeit und damit für alle Akteure. Und dazu zählen auch die gastronomischen Angebote. Viele der Café- und Kellerclubbesucher von heute sind die Ausstellungs- und Theaterbesucher von morgen.

9) Außenbereich

Noch eine Stufe niederschwelliger sind die Angebote im öffentlichen Raum. Das Areal ums Kesselhaus eignet sich hervorragend für die Aufwertung zu einem öffentlichen Ort mit hoher Aufenthaltsqualität. Sitzstufen am Regnitzufer gegenüber dem Haupteingang des neuen Kesselhauses laden dazu ein, sich in Gruppen zu versammeln, wie an der Unteren Brücke. Der jetzige Straßenraum, wo sich die Untere Sandstraße, der Leinritt und der Maienbrunnen verzweigen, wird als Platz gestaltet, über den der Durchgangsverkehr mit maximal 20 km/h fährt. Dies gewährleistet eine durch Kunst im öffentlichen Raum geschaffene Engstelle an Stelle des ehemaligen Pfeuffertores, das vor dem ehem. Gasthaus Zum Englischen Garten stand. Auf dem Grasplatz unter dem Baum an der Nordseite des Kesselhauskomplexes laden Tische und Stühle zum Sitzen ein. Getränke und kleine Speisen können bis in den späteren Abend hinein von einem Kiosk geholt werden, der in der jetzigen Trafostation eingerichtet wird. Er hat auch ein Fenster zum Leinritt, um die vielen Fahrradfahrer bedienen zu können, die zwischen Gaustadt und Bamberg verkehren. Auch alle Fahrradfahrer des Maintalradweges, die einen Abstecher nach Bamberg machen, passieren diese Stelle und werden sicher dankbar für die Möglichkeit einer kurzen Rast sein.

10) Synergien

Die geschilderte Konstellation eines Kulturclusters am Leinritt nutzt vielfältige räumliche, bauliche organisatorische und inhaltliche Synergien:

Die Räume dienen dem städtischen Ausstellungswesen genauso wie der freien Szene. Räume, Technik, Fahrzeuge und teilweise auch Personal können je nach Bedarf gemeinsam genutzt werden. Das Vorhalten doppelter Strukturen entfällt, die Villa Dessauer und die Räume des Kulturamtes in der Hauptwachstraße können verkauft oder anderweitig genutzt werden.

Durch die beschriebenen Maßnahmen gewinnt die Gegend so viel Attraktivität, dass von früh bis spät während des gesamten Jahres Publikumsverkehr vorhanden ist. Der Ort ist einfach in einen Rundweg für Touristen über Leinritt und Michelsberg integrierbar. Am Kesselhaus finden sie ein interessantes Ziel, auch wenn sie nur Kaffee und Kuchen suchen. Die Gastronomie führt der Kultur und die Kultur führt der Gastronomie neue Gäste zu.

Die Bamberger haben einen neuen identitätsbildenen Ort bekommen, an dem sie niedrigschwellig Besucher aus aller Welt treffen können. Von der Beschäftigung mit anspruchsvoller Kunst bis zum einfach Abhängen ist dort alles möglich. Wenn man nicht weiß, was man tun soll, geht man dort hin, um zu essen und zu trinken, um Leute zu treffen und Anregungen zu bekommen.

Der Ort wird so attraktiv sein, dass man die Sandkerwa der Zukunft bis zum Kesselhaus ausdehnen und das Geschehen somit entzerren kann.

11) Gestaltungsprinzipien und Ziele

Die oben stehenden Ideen haben sich aus einer langjährigen Nutzung und Kenntnis des Gebäudes entwickelt. Im Laufe der Zeit schien es sich immer geeigneter für die Zwecke der Kunst zu sein. Die Ideen haben sich also aus den vorhandenen Strukturen heraus entwickelt, dem Ziel folgend, möglichst viele bisher noch nicht verwirklichte Bedürfnisse der Kunstszene in Bamberg mit den Möglichkeiten des Gebäudes in Einklang zu bringen. Mit maximalem Respekt vor der Bausubstanz und den Gestaltungsideen des Architekten Hans Rothenburger. Das Gebäude hat durch seine Gebrauchsspuren ein Eigenleben entwickelt, das man ihm nicht durch eine rein zweckgetriebene Brachialrenovierung mit den baulichen Standartlösungen der Jetztzeit austreiben darf. Man darf den genius loci, den die Römer als kleine Schlange mit einer Krone auf dem Rücken darstellten, nicht vertreiben, sondern muss ihm ein Nest zum Verweilen bauen und ihn gut füttern, damit er wächst.

Deshalb heißt die Maxime: Soviel erhalten wie möglich und so viel ergänzen wie nötig. Und das ist eine ganze Menge, wenn man einen spartenübergreifenden Ausstellungsbetrieb möglich machen will. Klima, Heizung und Einbruchssicherheit müssen zeitgenössischen Standards entsprechen, wenn man nicht nur Kunstwerke zeigen will, die unter prekären Bedingungen entstanden sind und deshalb nicht die Macht haben, angemessene Präsentationsbedingungen für sich durchzusetzen. Doch soll sich das Ergänzte in Proportion, Material und Habitus in den meisten Fällen nicht vor das Vorhandene drängeln, damit die Gestaltungsabsicht des ursprünglichen Architekten gewahrt wird. Wenn Bauteile, wie z.B. Fenster aus technischen Gründen ersetzt werden müssen, so soll das keinesfalls mit gröberen Proportionen als am Original geschehen. Das Neue darf das Alte nicht deklassieren, sondern soll es auf eine neue Stufe heben. Bamberg braucht keinen selbstverliebten, eitlen Kunsttempel, sondern das ehemalige Funktionsgebäude für Heizung, Wäscherei und Pathologie soll sich zum Funktionsgebäude für spartenübergreifende und möglichst partizipative Kunst entwickeln. Die Patina sollte respektiert werden, wo aber Reparaturen nötig sind, können die entstandenen Wunden auch gezielt thematisiert und ästhetisch überhöht werden, indem man z.B. fehlende Klinkerfliesen der Fassade durch golden glänzende Fliesen ersetzt. Auch kann die Glasfassade für Lichtkunst oder eine wandelbare Leuchtschrift genutzt werden.

Die angestrebte Offenheit der entstehenden Institution für Entwicklungen und Tendenzen der Kunst sollte sich auch in einer gewissen Offenheit der Gestaltung spiegeln. So sollte z.B. der umgebende öffentliche Raum nur soweit versiegelt werden, wie unbedingt nötig und auch der verwilderte Uferbewuchs an der Regnitz sollte nur im Bereich der Ufertreppe gestört werden. Keine biederen Grünanlagen, die man nicht betreten kann und darf! Natursteinpflaster statt Teer und das auch nur dort, wo es unvermeidbar ist.

Hoppla, jetzt waren es doch 11 auf einen Streich.

„Von was träumst Du im September 2020…
Peter Schoppel?“… „ist ja doch nur alles Utopie!?“

Kunstquartier
Für mich sollte dieses ganze Gebiet der alten Wäscherei und des Kesselhauses neu überdacht werden. Meine Utopie ist es, hier ein großes Bamberger „Kunstquartier der bildenden Kunst“ zu gestalten

  • mit den Bestandsgebäuden (Denkmalschutz ?)
  • oder Abriss, Neuplanung, Umbau oder Neubauten…

Utopie 1: Das alte Kesselhaus als idealen Ort für experimentelle Kunst lassen, jedoch den EG-Boden auf äußeres Niveau anheben, so könnte ein behindertengerechter Zugang erreicht werden, das Untergeschoß bekommt damit eine größere Deckenhöhe und kann als zusätzlicher und zugänglicher Ausstellungsraum genutzt werden…

Utopie 2: Bamberg braucht eine wirklich große Kunsthalle, meine Vision angedacht als Querriegel über alles hinweg im Obergeschoß, mit auffälligen Kopfbauten zur Sandstraße und zur Regnitz… selbstbewusste Architektur für die Bamberger Kunst und nach außen hin… (ständige Sammlung der Stadt Bamberg, Ausstellungsort mit Niveau für Kunstverein Bamberg und BBK Oberfranken etc.).

  • Stichwort Architektenwettbewerb

Utopie 3: das alte städtische Verwaltungsgebäude abbrechen… Nutzfläche vergrößern… Neukonzeption der Gesamtnutzung für

  • sozialen Wohnungsbau
  • städtische Büros
  • Parkhaus mit Tiefgarage

Utopie 4: das ganze Gebiet zum Leinritt als Grünzone (ohne Autos) aufplanen, nur Fußgänger, Radfahrer…

  • ein neuer städtischer Grünpark könnte entstehen (mit Skulpturen der bildenden Kunst)
  • Cafèhaus mit Sitzflächen im Freien
  • Museumsshop

Thomas Michel vom Glück der Immobilie Kesselhaus

Warum das Kesselhaus für Bamberg so wichtig ist.
Als wohl einzige Weltkulturerbestadt Europas leistet sich Bamberg den Luxus zu glauben, auf zeitgenössische Kunst verzichten zu können. Obwohl Bamberg mit herausragenden Beispielen europäischer Kunstgeschichte gesegnet ist, von der Romanik über die Gotik bis zum Barock, findet die Gegenwart hier nicht statt. Das ist der Fluch des Weltkulturerbes, der die Stadt dazu verleitet, sich auf den Lorbeeren der Geschichte auszuruhen und Kultur nur unter dem Aspekt der touristischen Vermarktungsfähigkeit zu betrachten. Die Bamberger Bürger dagegen werden von der Stadt mit Brot und Spielen in Form von Bier und Basketball abgespeist. Zwar gibt es die Bamberger Symphoniker und das ETA-Hoffmann-Theater als kulturelle Leuchttürme, doch sie werden in erster Linie vom Freistaat Bayern finanziert und verbrauchen zudem einen Großteil des städtisches Kulturetats. Zeitgenössische Kunst jedoch verschwindet in den schwarzen Löchern des Bamberger Kulturbudgets.

Am liebsten wälzt die Stadt ihre kulturpolitische Verantwortung auf die Schultern von Ehrenamtlichen ab, mit dem gönnerhaften Hinweis des Immobilienmanagements, das Kesselhaus kostenlos zur Verfügung gestellt zu haben. Dies ist keine Kulturförderung, sondern sollte eine Selbstverständlichkeit sein und stellt zugleich ein kulturpolitisches Armutszeugnis dar. Die Bamberger Museumsleitung tut ihr Übriges dazu, um die Misere zu verschärfen, indem sie die Existenz zeitgenössischer Kunst schlichtweg ignoriert. Eine städtische Kunsthalle mit einem Angebot an das lokale kunstinteressierte Publikum fehlt seit Jahrzehnten, und das in einer Universitätsstadt. Dabei ist ein breitgefächertes kulturelles Angebot, zu der auch die bildende Kunst gehört, als Standortfaktor inzwischen von enormer Wichtigkeit, nicht nur für den Tourismus, sondern vor allem auch für die Menschen, die sich in der Region niederlassen mit der Bereitschaft, sich hier zu engagieren. Die regionale Konkurrenz ist groß, doch Bamberg verliert leider immer mehr den Anschluß.

Der Freistaat Bayern und seine Kommunen haben einen politischen Bildungsauftrag, dessen Bedeutung in den letzten Jahren immer offener zu Tage getreten ist. Es geht darum, öffentliche Räume der Begegnung und des Austausches zu fördern und zu schützen. Bildung ist eine wichtige Investition in die Demokratie und kein Nice-to-Have, sonst verschwinden immer mehr politische Debatten in den anonymen Foren der sozialen Netzwerke, wo Verschwörungstheoretiker ungestraft ihre Haßbotschaften verbreiten dürfen. Galerien, Kunsthallen und Ausstellungsräume wie das Kesselhaus stellen solche Denkräume dar, wo aktuelle Themen wie soziales Miteinander, Identität, Globalisierung, Klimawandel oder neue Kommunikationsformen beleuchtet und diskutiert werden können. Vor allem die Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens jenseits von Kommerz und Konsum ist brennender denn je.

Auch aus diesem Grund ist es für Bamberg wichtig, öffentliche Orte mit Aufenthaltsqualität zu schaffen, denn der durch Corona beschleunigte Strukturwandel im Einzelhandel wird die Innenstädte weiter veröden lassen. Bamberg hat mit dem Maxplatz schon ein abschreckendes Beispiel städtebaulichen Planungsversagens, wo mehr verwaltet als gestaltet wird. Die Wüste, die sich dort ausbreitet, wird sich weiter durch die Innenstadt fressen, da helfen auch keine Großevents. Umso wichtiger ist es, das Kesselhaus als zentrumsnahe Kulturstätte für die Zukunft zu sichern und weiterzuentwickeln.

Das Kesselhaus ist ideal gelegen zwischen Konzerthalle und dem Kloster Michelsberg sowie dem Campus der Universität Bamberg auf der Erba und in der Innenstadt, um entlang dieser Achsen neue kulturinteressierte Zielgruppen zu gewinnen. Hierfür ist es notwendig, das Kesselhaus nicht nur zu einem Veranstaltungsort, sondern auch zu einem Ort mit Aufenthaltsqualität zu entwickeln. Die Architektur der ehemaligen Krankenhauswäscherei ist für die Präsentation zeitgenössischer Kunst prädestiniert, weshalb mein Konzept nur geringe Eingriffe in den baulichen Bestand vorsieht. Dabei bildet die Sheddachhalle das Herzstück, um das die umliegenden Anbauten karreeförmig erschlossen werden. Der wichtigste Verbindungsbereich dieser Erschließung ist der Hof zwischen Sheddachhalle und Bauamt, der zu einem Skulpturengarten umgebaut werden soll. Die Tagesnutzung des Gartens sieht ein Café mit Außenbereich vor, abends öffnet ein Club im Untergeschoss. Eine Treppe mit Brunnenanlage bietet entspannte Sitzmöglichkeiten, während eine Rampe ins Untergeschoss zum Eingang des Clubs führt. Dem Klimawandel tragen Solarmodule auf dem Sheddach, Dachbegrünung und Vertical Greening im Gartenbereich Rechnung. Der Kamin wird zum Kulturleuchtturm, wo auf einem umlaufenden LCD-Display die aktuellen Veranstaltungen präsentiert werden. Besucher der gegenüberliegen Konzerthalle werden so eingeladen, zum Kesselhaus herüberzukommen und ihren Konzertabend in einer alle Sinne ansprechenden Atmosphäre ausklingen zu lassen.

In Metropolen wie Berlin werden seit Langem brachliegende Industriebauten und brutalistische Architektur kulturell umgenutzt und gerade während des Lockdowns neue Nutzungsmöglichkeiten und Synergieeffekte erprobt, die auch nach der Pandemie Bestand haben werden. Der legendäre Club Berghain in Berlin fungiert seitdem als Ausstellungsraum oder als Location für Musik-Performances, im Übrigen weist die Architektur des Kesselhauses starke Ähnlichkeiten mit dem Kraftwerksbau auf, in dem das Berghain beheimatet ist. Man kann also von Glück sprechen, daß Bamberg eine solche Immobilie mit diesem unerschöpflichen Potential besitzt, deshalb sollte der Stadtrat diese Chance nicht leichtfertig verspielen.

Über einen Ort der Kunst und der Begegnung zu verfügen ist eine Sache, ihn mit Leben zu erfüllen und ein anspruchsvolles Ausstellungsprogramm zu entwickeln, das genreübergreifend angelegt ist und bildende Kunst, Musik, Theater und Literatur zusammenbringt, eine andere. Regionale Kunst sollte dabei genauso Beachtung finden wie Ausstellungen internationaler KünstlerInnen mit dem Anspruch, in die Metropolregion Nürnberg hineinzuwirken. Ohne ein Kuratorenteam mit überregionaler Erfahrung, das über die entsprechenden Netzwerke verfügt, wird sich ein solches Programm nicht realisieren lassen. Doch es ist eine sinnvolle Investition in die Zukunft der Stadt, die den Blick nicht nur in die Vergangenheit, sondern nach vorne richten muß. Auch wenn die Pandemie Milliardenbeträge verschlungen hat, hat sie starre Denkmuster und verkrustete Strukturen aufgebrochen, was Hoffnung für die Zukunft macht: auf die Spanische Grippe vor 100 Jahren folgten die Goldenen Zwanziger Jahre.